Nachgefragt: Elisabeth Hussl zur Lage der Notreisenden in Tirol

_MG_0973Elisabeth Hussl ist Aktivistin der Bettellobby Tirol und setzt sich für die Rechte von Notreisenden ein. Wir haben sie zur aktuellen Lage in Tirol befragt.

Im November 2013 hat die Tiroler Landesregierung das generelle Bettelverbot abgeschafft. Wie ist die gesetzliche Lage in Tirol heute?
 
Das sogenannte stille Betteln ist nun grundsätzlich erlaubt, praktisch aber nur schwer möglich, denn die Verbote gehen sehr weit. Verboten sind sogenanntes aufdringliches und aggressives Betteln sowie gewerbsmäßiges und organisiertes Betteln. Auch Betteln unter aktiver Mitwirkung von Kindern bis zum 14. Geburtstag ist strafbar. Der Strafrahmen beläuft sich auf bis zu 5.000 Euro oder zwei Wochen Ersatzfreiheitsstrafe.

Wo halten sich Notreisende in Tirol vor allem auf?
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Kurzfilm Betteln. Menschen. Rechte

Foto: Monika Zanolin

Jetzt auch online: Der Film „Betteln. Menschen. Rechte“ der Initiative Minderheiten Tirol gibt einen Einblick in Lebensbedingungen, Sichtweisen und Perspektiven bettelnder Menschen – ein Film, der jenen Menschen eine Stimme gibt, die selten gehört werden und so gut wie nie in der politisch-medialen Öffentlichkeit zu Wort kommen.

(AT 2015, OmU, 21 Min., Regie: Monika K. Zanolin)

Hier steht der Film in zwei Versionen zur Verfügung: Als mehrsprachige Originalversion mit Untertiteln sowie als Version mit Voice Over ohne Untertitel.

Mitschnitt des Erzählcafé mit Linzer Bettler*innen online

Bettlerinnen und Bettler sind immer wieder in den Schlagzeilen. Es wird viel ÜBER sie geschrieben und gesprochen, jedoch wenig MIT ihnen. Wir  finden das verkehrt und haben daher im Rahmen von mehreren Erzählcafés eingeladen, mit Menschen, die in Linz durch Betteln ihren Lebensunterhalt verdienen, ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und Hintergründe zu erfahren. Das letzte Erzählcafe wurde von DorfTV aufgezeichnet, der Mitschnitt kann hier angesehen werden:

Das Erzählcafe fand in Kooperation mit Radio FRO, dem Diakoniewerk OÖ, dem Verein Land der Menschen – Aufeinander Zugehen OÖ, dem Verein SOS-Menschenrechte und der Volkshilfe OÖ am 15. September 2015 in Linz statt.

Das Format des Erzählcafes kann auf Anfrage auch mit ihrer Organisation durchgeführt werden. Bitte nehmen sie dafür einfach Kontakt mit uns auf.

Interviews mit Menschen die betteln.

Attila Nikotski

Herr Nikotzki bettelt in Wien Floridsdorf. Er kommt aus der Slowakei. Doch weil die Sozialhilfe nicht zum Überleben reicht und er keine Arbeit findet, versucht er mittels Betteln seine Familie durchzubringen.  „Wenn ich bei der Mafia wäre, müsste ich nicht hier sitzen“ erzählt er der BettelLobby, und: „Die Polizei ist die Mafia, denn SIE nehmen uns das Geld ab“.

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Beata Olah

Frau  Olah erzählt von ihren Erfahrungen beim Betteln in Wien, während sie ihre jüngste Tochter füttert. Die Familie lebt in einem kleinen Ort in der Südslowakei und ist, wie viele andere DorfbewohnerInnen auch, seit Jahren arbeitslos. Um die Kreditraten für ihr  Häuschen – sie hatten es in den Jahren gekauft, als sie noch Arbeit hatten – zu zahlen und um ihre Familie durchzubringen, fahren sie und ihr Mann nach Wien zum Betteln. Frau Olah hat auch immer ihre  Kinder zum Betteln mitgenommen, weil sie niemanden hat, bei dem sie ihre Kinder lassen kann. Wenn sie sie mitnimmt, kann sie sich sicher sein, dass die Kinder zumindest genug zum Essen und Trinken haben und dass sie auch medizinisch versorgt werden, falls sie krank sind.

Nikolai Lanescu

Der 73-jährige Nikolai Lanescu sitzt auf dem Gehsteig. Sein linkes Bein ist amputiert, das Gesicht von Falten zerfurcht. In seinem Mund sieht man kaum Zähne. Herr Lanescu ist ein Rom aus Pitesti. Die ehemals florierende Industriemetropole in Südrumänien ist Sitz der Dacia-Werke, die 1999 gänzlich an Renault verkauft wurden und Anfang 2009 von drastischen Personalkürzungen und Streiks betroffen waren. Dieses Interview wurde im Sommer 2010 geführt.

Können Sie mir erzählen, seit wann Sie sich in Wien aufhalten?

Seit zehn Jahren.

Sind Sie alleine in Wien?

Nein, ich lebe gemeinsam mit meiner 42-jährigen Tochter, ihrem Ehemann und ihren vier erwachsenen Söhnen hier.

Wo wohnen Sie?

Mit meiner Familie teile ich ein vier mal vier Meter großes Zimmer mit Küche, Bad und WC.

Wieviel Miete müssen Sie dafür zahlen?

Im Monat an die 500 Euro.

Wem gehört die Wohnung?

Die Vermieterin ist Österreicherin.

Wieviel verdienen Sie am Tag als Bettler?

Zwischen zehn und zwanzig Euro.

Wie kann ihre Familie überleben?

Meine Tochter arbeitet in der Umgebung von Wien als Erntehelferin, ihre Söhne auf der Baustelle. Das alles ist natürlich Schwarzarbeit. Die Söhne haben seit drei Monaten keinen Lohn gesehen.

Fahren Sie hin und wieder nach Rumänien?

Ich selbst war die letzten zehn Jahre nicht mehr in Rumänien, aber meine Familie fährt sieben bis acht Mal im Jahr hin. Wir haben dort eine Bretterbude.

Haben Sie schon Erfahrungen mit der Wiener Polizei machen müssen?

Ja, es ist schon öfter vorgekommen, dass man mich im Polizeiauto mitgenommen und ein paar Straßen weiter wieder ausgesetzt hat.

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Andrej Ondrak

Herr Ondrak bettelt vor einem Bankgebäude in der Nähe einer stark frequentierten U-Bahnstation in Wien. Vor 20 Jahren musste er aufgrund seiner Epilepsieerkrankung in Frühpension gehen. Davor hat er in einer Schlachterei in seiner Heimatstadt Rimavska Sobota, Slowakei, gearbeitet. Wir trafen ihn am Freitag in der so genannten 2. Gruft im Haus St. Josef (Caritas Wien), die seit Montag dieser

Woche für EU-Bürger einfache Notschlafmöglichkeiten anbietet.

Seit wann kommen Sie nach Wien?

Schon lange, seit fast 20 Jahren. Da meine Rente nur 200 Euro beträgt und meine Frau, mein Sohn und ich davon nicht leben können, fahre ich nach Wien zum Betteln. Meine Rente reicht nicht einmal für Miete, Strom und Heizkosten.

Sind Sie alleine hier?

Ich bin mit meinem Sohn da. Weil er aber schon oft von der Polizei bestraft wurde, bettelt er nur selten. Mein Sohn ist 24 Jahre alt, er kann in der Slowakei keine Arbeit finden. Erst ab dem Alter von 25 Jahren hat man in der Slowakei Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Das sind aber nur 60 Euro im Monat.

Hatten Sie auch schon Probleme mit der Polizei?

Ich werde oft vertrieben. Ich erkläre der Polizei aber immer, dass ich an Epilepsie leide, deswegen lassen Sie mich meist in Ruhe.

Wo übernachten Sie, wenn Sie in Wien sind?

Im Sommer meist in Parks, im Herbst auf Pappkartons in einer U-Bahnpassage. Seit am Montag dieseNotschlafstelle geöffnet wurde, schlafen wir hier. Auch zum Mittagessen kommen wir hierher. Hier bekommt man für 50 Cent ein Mittagessen.

Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?

Etwa 10 bis 20 Euro pro Tag, jetzt vor Weihnachten ein bisschen mehr, manchmal sogar 40 Euro. Ich sitze fast immer am selben Platz. Es gibt viele nette Leute, die täglich vorbeikommen. Sie kennen mich schon.

Wie lange bleiben Sie hier?

Ich fahre meist für mehrere Wochen her. Es hängt aber immer davon ab, wieviel Geld wir verdienen. Manchmal bleiben wir länger, dann wieder weniger lang. Am 23.12. fahren wir zurück, um Weihnachten mit meiner Frau zu verbringen.

Es gibt in den Medien immer wieder Berichte von der so genannten „Bettlermafia“. Haben Sie auch

schon davon gehört, dass Menschen ihr erbetteltes Geld abführen müssen?

Mich hat noch niemand kontaktiert. Es ist auch noch nicht vorgekommen, dass jemand meinen Platz haben wollte. Es sind viele Leute aus der Slowakei hier, wir kennen einige, sie betteln aber für sich selbst. Das Problem ist die Arbeitslosigkeit bei uns.

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Desislava Penova

Die 28jährige Desislava Penova ist aufgrund einer Polioerkrankung seit ihrer Kindheit körperbehindert. Sie kommt aus der bulgarischen Stadt Kjustendil. Wir trafen sie im Herbst dieses Jahres am Praterstern.

Seit wann und warum kommen Sie zum Betteln nach Österreich?

Ich mache das schon seit einigen Jahren. In Bulgarien bekomme ich nur 50 Euro Behindertenrente, das reicht nicht zum Leben. Meine Geschwister und Eltern sind arbeitslos und können mich auch nicht unterstützen. Ich war auch schon in Deutschland zum Betteln

Sind Sie alleine hier?

Ich bin mit meinem Mann da. Er ist ebenfalls körperbehindert. Wir betteln gemeinsam. Auch der Bruder meines Mannes ist hier.

Bettelt der Bruder Ihres Mannes auch?

Nein, er ist gesund. Er fährt das Auto und hilft uns. Er bringt meinen Mann (der nicht gehen kann Anm.) zum Betteln.

Wo wohnen Sie?

Wir wohnen in einem Zimmer. Es ist sehr klein und feucht, weil es im Keller ist. Es ist hier in der Nähe.

Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?

Es kommt darauf an. Manchmal 10 Euro, manchmal sogar 50. Ich habe Angst vor der Polizei, wenn Polizei kommt, gehe ich meist da nach hinten. Früher hab ich auf der Mariahilferstraße gebettelt, aber da wurde mir von der Polizei das Geld weggenommen. Hier ist es besser. Wir fahren aber auch nach Graz, da gibt es keine Probleme mit der Polizei. Aber dort sind so viele Bettler, dass wir nicht viel verdienen.

Wie ist Ihre Situation in Bulgarien?

Meine Familie wohnt in einer kleinen Hütte. Wir haben kein Geld. In Bulgarien zu betteln ist sehr schwierig, man verdient nichts und wird beschimpft. Deswegen komme ich hierher. Es gibt auch kaum Arbeit und alles ist sehr teuer geworden. Mit dem Betteln kann ich auch meine Verwandten unterstützen.

(Namen von der BettelLobby geändert.)

„Natasha“ Dokumentarfilm – Porträt einer Bettlerin

Natasha. Ein Film von Ulli Gladik. 2008. 84 min. Bulgarisch mit deutschen Untertiteln.

Natasha lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe von Sofia/Bulgarien. Um ihre Familie zu ernähren, fährt sie seit drei Jahren mehrmals jährlich nach Österreich um zu betteln. Ulli Gladik, Kamerafrau und Regisseurin in Personalunion, begleitete Natasha und ihre Familie im Zeitraum von fast zwei Jahren. Der Film zeigt Natashas Alltag als Bettlerin in Österreich und die Lebensumstände in ihrer Heimat.

DVD Bestellungen bitte an: ul.gladik(at)gmx.at

www.natasha-der-film.at

Vertrieb: sixpackfilm

Spendenkonto für die Protagonistin:  BA-CA 12000, 50156 041 137 lautend auf Natasha Kirilova

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„Ich nur machen was Chef sagen“ …und die Bahnhofcity.

Europaweit entsteht ein neuer Bahnhofstyp: die Bahnhofcity mit Büros, Einkaufszentren und Entertainment – inklusive Gleisanschluss. Laut Webseite der ÖBB gibt´s am Westbahnhof demnächst eine Bahnhofcity mit  einem 17.000 m2 großen Einkaufszentrum, verhältnismäßig klein verglichen mit dem zukünftigen Hauptbahnhof, wo es Wohnungen für 15.000 Menschen, 20.000 Arbeitsplätze und eine riesige Shoppingmall geben wird.

Bahnhöfe boten traditionsgemäß auch eine temporäre Aufenthaltsmöglichkeit für Menschen, die nicht das nötige Kleingeld hatten um in Restaurants zu speisen oder in Hotels zu übernachten. Soziale Einrichtungen waren hier angesiedelt und bis vor einigen Jahren konnte man z.B. am Wiener Südbahnhof für einige Nachtstunden relativ ungestört schlafen. Doch das Klima ist rauer geworden, schon vor dem Umbau. Am 23.12.2006  begleiteten wir Andras und seinen Sohn Bandi zum Südbahnhof, die beiden wollten nach Bratislava fahren, doch der Abendzug war bereits weg. Andras hatte ein gültiges ÖBB Ticket und auf seine Frage, warum der Wartesaal abgesperrt ist, kontert der Securitymann: „Ich nur machen was Chef sagen – und – wauns da net passt, geh duat hin wost heakuman bist…“ So gehen die ÖBB mit ihren Kunden um. (Ein Interview mit Bandi und seiner Kusine gibt es hier).

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… ohne dass es dort menschlicher geworden ist.

Dass sich die Bahnhöfe nach ihrem Umbau wieder menschlicher geben, bleibt zu bezweifeln. Der bereits neu gestaltete Nordbahnhof gibt einen Vorgeschmack: mittels Videoüberwachung, privaten Sicherheitsdiensten und der ungemütlichen Gestaltung des Bahnhofsinterieurs will das Management anscheinend verhindern, dass irgendjemand diesen Ort anders nützt als für Konsum- und Fortbewegungszwecke. Eine soziale Neugestaltung hat stattgefunden und die ÖBB will sich anscheinend ein  Image von sicher und sauber zulegen. Durch die Privatisierung des vormals öffentlichen Raums gilt hier eine andere Gesetzlichkeit: schon Sitzen oder Stehen ist ordnungswidrig.

Anlass genug, um am  Freitag dem Dreizehnten den Bahnhof Praterstern – zumindest für ein paar Stunden – zu erobern.