Shoppen ohne Lazarus

Ein Text von Barbara Coudenhove-Kalergi, erstmals erschienen am 29. März 2010 in der Tageszeitung Der Standard

Alle atmen erleichtert auf, weil Wien nun eine bettlerfreie Stadt ist: Man kann jetzt unbehelligt von Elendsbildern durch die Einkaufsstraßen bummeln. Aber wir sollten uns wenigstens dafür genieren.

Im Lukasevangelium steht die Geschichte vom Bettler Lazarus, der am Ende im Himmel landet, der reiche Mann dagegen, der ihm zu Lebzeiten nichts gegeben hat, in der Hölle. Dieser letztere ist ein Unsriger. Wir geben den Bettlern auch nichts. Im Wiener Landtag wurde dieser Tage ein Gesetz verabschiedet, das analog zu anderen Städten das „gewerbsmäßige“ Betteln in der Stadt verbietet.

„Gewerbsmäßiges Betteln“, im Gegensatz offenbar zu Hobby-Betteln oder Betteln „zur Überwindung einer momentanen Notlage“, wie ein Polizeivertreter im Fernsehen erläuterte, ist gewissermaßen Betteln als Hauptberuf. „Aggressiv“ und „organisiert“ betteln oder betteln mit Kindern oder innerhalb einer Bannmeile um Schulen oder Kirchen darf man ohnehin schon lange nicht mehr, wobei schon bittend ausgestreckte Hände als aggressiv gelten.

In der Wiener U-Bahn gab es vor einiger Zeit eine Lautsprecherdurchsage, die die Fahrgäste aufforderte, Bettlern nichts zu geben. Unbarmherzigkeit, amtlich empfohlen. Folgerichtig sind die knienden oder stehenden Gestalten mit ihren Pappbechern aus der Wiener Innenstadt jetzt vollends verschwunden. Die Saison beginnt, die Touristen kommen, die Bettler sind weg.

Niemand vermisst sie. Denn es stimmt, der Anblick von Armut und Elend stößt uns ab. Er irritiert uns, beunruhigt uns, erweckt Schuldgefühle, Angst und Abscheu. Mein täglicher Weg durch die Bettlermeile im Zentrum der Bundeshauptstadt glich in letzter Zeit einem Slalom. Ich wechselte von einer Straßenseite auf die andere, um das Vorbeigehen an den Bettlern zu vermeiden. Ich hatte eine Gabe für die alte „Bunte Zeitung“-Frau in meiner Straße bereit, aber das war‘s auch schon. Mehr, fand ich, war nicht drin. Ich war als Kind dazu angehalten worden, einem Bettler immer in die Augen zu schauen, wenn man ihm etwas gab, also: ihn als Person wahrzunehmen. Aber eben das fällt uns schwer. Einen Erlagschein ausfüllen, das ja. Aber einen wirklich armen Menschen anschauen? Das halten wir nicht aus.

Das Perfide dabei ist, dass „Kronenzeitung“ und Politik alles tun, um uns in dieser Haltung zu bestärken. Wir sollen ein gutes Gewissen haben, wenn wir die Bettler wegjagen. Fort mit ihnen. Geiz ist geil und Armut ein Vergehen, Gutmensch ist ein Schimpfwort und Hartherzigkeit Bürgerpflicht. „Bettlerunwesen“ – das bedeutet Banden und Mafias, Arbeitsscheu, Selbstverstümmelung, Betrug, geheimnisvolle Bosse mit Mercedes im Hintergrund. Wer weiß, womöglich sind die Bettler gar nicht arm und auf jeden Fall selber schuld an ihrem Unglück. Zwischen Bettler und Verbrecher ist nach dieser Logik kaum ein Unterschied, analog der fließenden Grenze zwischen Asylwerbern und Kriminellen.

Wir sind nur allzu gern bereit, dieser Argumentation zu folgen. Alle atmen erleichtert auf, weil Wien nun eine bettlerfreie Stadt ist. Man kann jetzt unbehelligt von Elendsbildern durch die Einkaufsstraßen bummeln. Aber wir sollten uns wenigstens dafür genieren, der Unbarmherzigkeit auch noch die Selbstgerechtigkeit hinzuzufügen. Bettler Lazarus und sein Gegenbild, der reiche Prasser, lassen grüßen.

 

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