WIENER LINIEN, BITTE SEID ACHTSAM: BETTELN IST EIN MENSCHENRECHT

„Unter Achtsamkeit versteht man eine offene, neugierige und akzeptierende Haltung gegenüber allem, was man gerade tut“, sagt mir das Psychologie-Lexikon. Ja, so ungefähr hätte ich das auch verstanden. Und zusätzlich bedeutet Achtsam-Sein für mich auch noch eine besondere Art von Rücksichtnahme. Eine Rücksichtnahme vor allem Schwächeren und Hilfsbedürftigen gegenüber. Genau. In diesem Sinne ist mir das Achtsam-Sein vertraut. Sozialisation? Erfahrung? Keine Ahnung, warum. So verstehe ich das jedenfalls und so bin ich normalerweise auch.

Ich bin achtsam und biete daher alten Menschen, Menschen mit Handycap, Menschen mit kleinen Kindern in U-Bahn, Bim & Bus meinen Sitzplatz an. Ich bin achtsam und gebe daher Bettelnden etwas Kleingeld. Ich bin achtsam und verwechsle Call-Centern-Agents nicht mit dem Betrieb, für den sie arbeiten und bin daher höflich, wenn ich beim Servicetelefon der Wiener Linien anrufe – 01/7909100/DW1:

„Ich rufe wegen Ihrer Durchsage an, dass das Betteln verboten ist. Zum Schluss heißt es da: Bitte seien Sie achtsam. Ich verstehe das nicht. Können Sie …“

„Das weiß ich jetzt gar nicht so genau, dass das gesagt wird …“

„Ja, es wird gesagt: Das Betteln in den U-Bahn-Anlagen ist verboten, und dann: Bitte seien Sie achtsam. Was das in diesem Zusammenhang heißen soll, dass hätt ich bitte gern gewusst.“

„Ach so, ja. In dem Fall heißt es, dass man denen nix gibt …“

„Warum?“

„Wir wollen die Leute dahingehend sensibilisieren, dass das Betteln verboten ist, und dass unsere Fahrgäste denen nicht so viel Geld hergeben sollen. So vielen Frauen sitzt ja das Geld locker und wir werden die Bettler nicht los, weil sie so viel kriegen.“

Es läutet an der Tür. Ich danke dem Mitarbeiter für die Auskunft und beende das Gespräch. Zehn Minuten später rufe ich noch einmal an und frage eine seiner Kolleginnen, ob die Wiener Linien mit besagter Durchsage ihren Fahrgästen verbieten, dass sie Bettelnden was geben.

„Nein, das natürlich nicht“, sagt sie. „Aber wir machen diese Durchsagen, weil viele sich darüber aufregen von der Allgemeinheit. Die regen sich darüber auf, dass die Leute was geben und darum müssen wir diese Durchsage machen.“

„Wie lang soll die noch laufen?“

„Das ist jetzt dauerhaft.“

Ich bitte die Telefonistin noch, meine Aufregung über die Durchsage weiterzuleiten, zwecks einer anderen Allgemeinheit, die vielleicht zu einem Achtsam-Sein der Wiener Linien führt, und dazu, dass sie mit der Bevormundung ihrer Fahrgäste und mit dem Verfolgen und Strafen von Armen aufhören.

Erstveröffentlichung auf StadtFruchtWien,

 

 

6 Kommentare zu “WIENER LINIEN, BITTE SEID ACHTSAM: BETTELN IST EIN MENSCHENRECHT

  1. Wenn das der O-Ton der Antworten ist, ist das schon sehr entlarvend: „die“ regen sich auf, dass „die Leute“ „denen“ was geben.

    Für mich ist die Durchsage unter dem Titel Achtsamkeit ein Missbrauch, denn auch ich verstehe die Achtsamkeit positiv statt als einen Aufruf, einem Menschen nicht nichts zu geben (was ja auch eigentlich nicht gesagt wird).

    Die Durchsage bezieht sich ja auf den Hinweis des Verbotes. Da hindert niemandem, trotzdem etwas zu geben.

    Und es entlässt nicht die Wiener Linien ihrer Aufgabe, ihr Verbot auch durchzusetzen (wenn sie es denn so ernst nehmen). Der Aufruf zur Achtsamkeit hinsichtlich des Verbots wiegelt die Menschen nur auf und ermuntert sie zur Denunziation.

  2. „So vielen Frauen sitzt ja das Geld locker und wir werden die Bettler nicht los, weil sie so viel kriegen“

    Der Satz ist so oag. Ich backs gar nicht. Also sind die Frauen am Betteln schuld?

  3. Sorry, ich kann die Wiener Linien verstehen!
    Die Bettler in der U-Bahn sind teilweise unverschämt: selbst erlebt, Musiker bzw Sänger auf rumänisch, bulgarisch oder so. Das hat wirklich niemanden interessiert, weder schön noch sonstwas. Dann sind Sie durchgegangen und da niemand Geld hergab, wurde wüstest geschimpft! Zwar hat die Worte niemand verstanden, der Ton war unmissverständlich!
    Bin auch dafür, dass man Armen hilft, aber nicht organisieren Banden, die aus dem Osten hergekarrt werden. Das Geld dürfen diese Menschen meistens gar nicht behalten!

  4. danke! danke! danke! ich wollte die Wiener Linien auch schon fragen, was sie damit zum Ausdruck bringen wollen, da mir bei dieser Durchsage irgendwie richtig übel wird . . . . eben durch die mißbräuchliche Anwendung des Wortes „achtsam“ . . . . wer achtsam ist, ist beschämt und traurig, dass es Menschen gibt die heute so in der Not sind . . . wer achtsam ist, bedauert, dass er ihnen nicht allen behilflich sein kann, diese Not zu lindern . . . . wer achtsam ist, bemerkt, dass andere dieses Wort in keinster Weise begriffen, geschweige denn gefühlsmäßig erfasst haben . . . . für sensible Menschen ist diese Durchsage eine regelrechte Körperverletzung, und für alle anderen eine Verletzung der Seele, derer sich leider scheinbar nur wenige bewußt sind . . . .

    nochmals danke für euren Einsatz

    und liebe Grüße

  5. Wem Was und Wo ich einer Person etwas gebe dürfte immerhin noch in meiner ureigensten Kompetenz liegen. Selbstverständlich werde ich den Menschen ,die dringend auf Hilfe angewiesen sind meinen bescheiden Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt, an keinem Ort -Auch nicht im Bereich der U Bahn Linien – entziehen, also wede ich in diesen Sinne besonders Achtsam sein

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