Zeitung „Österreich“ konstruiert „Bettelbande“

Als Herr Georgiev am 3.4. die Zeitung „Österreich“ öffnete, traute er seinen Augen nicht: Der Bulgare wird als Mitglied einer „rumänischen Bettlerbande“ dargestellt: „Niemand hat mit mir gesprochen. Man hat mich heimlich von hinten fotografiert“. Herr Georgiev bat Straßensozialarbeiter von „Wieder wohnen“ um Hilfe, die ihn an die Rechtsberatung der BettelLobbyWien verwiesen: „Ich kann es nicht zulassen, dass man mich hier darstellt, als würde ich für einen Boss arbeiten. Ich bin alleine hier und habe immer nur für mich selbst gebettelt.“ Viele Menschen in Floridsdorf werden ihn auf dem Foto erkennen, so seine Befürchtung, denn er ist der einzige Bettler im Rollstuhl mit einer blauen Jacke. Herr Georgiev möchte prüfen, ob er rechtlich gegen die Zeitung vorgehen kann.

Der 30jährige Bulgare ist seit mehr als zwei Jahren in Österreich. Er sitzt nach einer medizinischen Fehlbehandlung im Rollstuhl. Seit seinem 14. Lebensjahr arbeitete er in Bulgarien am Bau, seit seiner Erkrankung vor ein paar Jahren ist er arbeitsunfähig. Die staatliche Unterstützung in Bulgarien reicht nicht zum Überleben, geschweige denn für die Selbstbehalte im Krankenhaus. In Wien schläft er zur Zeit in einer Notschlafstelle der Caritas. Zum Bettelplatz nach Floridsdorf kann er selbst fahren, denn „Wien ist gut vorbereitet für Rollstuhlfahrer, es gibt Aufzüge und Rampen und hilfsbereite Menschen“.
Die anderen Männer, die als Mitglieder der „Bettelbande“ dargestellt werden, kennt Herr Georgiev flüchtig. Jener, der als „Kapo der Bande“, bezeichnet wird, verkauft Straßenzeitungen. Einen anderen kennt Herr Georgiev von der Notschlafstelle. Eine „organisierte rumänische Bettelbande“ hat Herr Georgiev in Floridsdorf nicht bemerkt.

Am 4.4. feiert die Zeitung „Österreich“ die verbreitete Unwahrheit mit folgendem Titel:
„Nach „Österreich“-Enthüllung: SPÖ ruft zum Bettler-Gipfel in Floridsdorf“.

Die Mediengruppe „Österreich“ wurde letztes Jahr wegen eines sehr ähnlichen Falles vom Handelsgericht Wien (bestätigt vom Oberlandesgericht Wien) verpflichtet, einem unserer Klienten Schadenersatz zu bezahlen und es in Hinkunft zu unterlassen, dass das aufgenommene Foto im Zusammenhang mit Geschichten über vermeintliche Bettelbanden und dergleichen verwendet wird. Gelernt hat „Österreich“ aus dieser Sache anscheinend nichts.

www.bettellobby.at/wien
Die BettelLobbyWien bietet seit 2013 Rechtsberatung für BettlerInnen und StraßenzeitungsverkäuferInnen an. Wir haben über hundert Strafverfügungen wegen Bettelns beeinsprucht, 80% der Einsprüche wurde bislang statt gegeben.
Rechtshilfetelefon, Presserückfragen : 0660 3959747
wien@bettellobby.at

4 Kommentare zu “Zeitung „Österreich“ konstruiert „Bettelbande“

  1. Ich wohne in Salzburg. Auch hier sind wir natürlich mit den Bettlern und der politischen Sicht dieses „Problems“ konfrontiert. Auch hier in Salzburg gibt es insbesondere einen Politiker, der diese Bandengerüchte immer wieder in den Medien kolportiert. Da es genug Menschen gibt, die sich von den Bettlern belästigt fühlen – manche sind relativ hartnäckig, sie haben ja nichts zu verlieren, denen die Bettler ein Dorn im Auge sind, fallen diese Behauptungen auf fruchtbaren Boden. Wenn man sich aber die Mühe macht mit dem ein oder anderen Bettler einmal ein wenig zu plaudern, erfährt man sehr rasch die Geschichten hinter den Menschen. Die meisten kommen aus denselben Regionen und Orten, sie kennen sich also untereinander. Sie schlafen ja auch hier gemeinsam im Park oder in den wenigen Notschlafstellen. Ich frage alle, die gegen die Bettler opponieren: würden wir selbst in so einer Situation nicht auch froh sein, wenn wir in einer fremden, abweisenden Gesellschaft die Muttersprache sprechen könnten und uns ein wenig geschützt fühlten durch den Zusammenhalt einer uns vertrauten ethnischen Gruppe? Glauben Sie alle, dass es Menschen auf sich nehmen würden bei -20 Grad (Jänner, Februar 2017!!) im Park zu nächtigen, wenn sie es nicht aus Not tun müssten? Einige hatten das Geld für den Bus am 24.12. (Weihnachten) zurück Rumänien nicht zusammengebracht, sie mussten hier bleiben. Würden wir das alles auf uns nehmen? In Zeiten, in denen uns täglich vor Augen geführt wird was Hass, Neid und Machtansprüche anrichten können, sollten wenigstens wir Europäer zusammenhalten und zeigen, dass es Toleranz, Empathie und Achtung voreinander noch gibt und diese lebbare Werte sind.

  2. Typisch für die Zeitung „Österreich“ und den ganzen dazu gehörenden Medien, keine Recherche, nur Effekthascherei.

    • Er hat nächste Woche einen Termin im Neunerhaus und eine Magnetresonanzuntersuchung wird ihm ermöglicht. Nur zur Richtigstellung, weil er auf Facebook als „Krankheitsflüchtling“ bezeichnet wurde, der unser Gesundheitssystem ausnutzt: EU BürgerInnen, die in Österreich nicht gearbeitet haben, haben KEINEN Anspruch auf Sozialleistungen oder Krankenversicherung. Herr Georgiev KANN das System also gar nicht ausnutzen, weil er keinen Zugang bekommt. Aber zum Glück gibt es Neunerhaus und Ambermed, die über Spenden finanziert werden und die mit Ehrenamtlichen arbeiten und ALLEN Menschen medizinische Versorgung anbieten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.