Gibt es eigentlich die so genannten „organisierten Bettelbanden“?

IMGA0331„Konnten kriminelle Strukturen in Österreich nachgewiesen werden?

Sind eigentlich alle Bettler Roma?“

Das sind häufig gestellte Fragen an die BettelLobbyWien.

Hier unsere Antwort:

Der Begriff „organisierte Bande“ dient in erster Linie der Diffamierung von bettelnden Menschen, die in Gruppen oder in Familien unterwegs sind. „Organisiert“ sind sie so, wie andere Menschen auch „organisiert“ sind: sie kennen sich, kommunizieren miteinander, bilden Fahr- und Wohngemeinschaften etc. Diese normalen sozialen Interaktionen sind in Österreich jedoch bereits strafbar, weil die Regelungen zum „Betteln als Teil einer organisierten Gruppe“ oder zum „Organiseren von Bettelei“ so weit ausgelegt werden können, dass jede soziale Interaktion (auch ein Sichtkontakt) ausreicht, um den Tatbestand zu erfüllen. Es kommt dadurch zu einer großen Anzahl an Strafen aufgrund „organisierter Bettelei“, die dann wieder als großes Problem dargestellt werden.
Tatsächlich kriminelle Strukturen konnten in Österreich bisher trotz massiven Bemühungen der Polizei nicht nachgewiesen werden. Es wurden vereinzelt Fälle von Ausbeutung oder Nötigung unter Armutsbetroffenen bekannt, die TäterInnen waren jedoch selbst bettelarm. Diese wurden zurecht verurteilt. Die reichen Bosse oder die „Mafia“ von der in diesem Zusammenhang immer die Rede ist, waren sie aber auch nicht. Sämtliche Studien und die Erfahrung aus der Sozialarbeit zeigen, dass es sich bei BettlerInnen um Menschen handelt, die sich für das Betteln entscheiden, weil ihnen momentan keine anderen Möglichkeiten offen stehen. Viele sind auf der Suche nach Arbeit. Das Betteln sehen sie als Möglichkeit, legal zu Geld zu kommen, in Abgrenzung zu tatsächlich illegalen Tätigkeiten oder der Sexarbeit. Bei den meisten Familien ist es auch nicht so, dass alle betteln, sondern dass jeder und jede versucht, nach seinen/ihren Möglichkeiten Geld zu verdienen, etwa Männer durch Schwarzarbeit am Bau, während Ältere und/oder Frauen betteln.
Die Gründe, aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn wegzugehen liegen vor allem in der dort herrschenden Armut und Perspektivenlosigkeit. In Wien betteln Personen, die noch vor 15 Jahren dem unteren Mittelstand in Rumänien zuzurechnen waren, mit Job in der Autofabrik, Haus, Auto und vier Kindern. Nach dem Verlust des Jobs ist es aufgrund der unzureichenden sozialen Sicherheit so lange nach unten gegangen, bis die Eltern gezwungen waren, in Wien zu betteln, um die Kinder zu Hause zu unterstützen.
Oft wird in den Medien behauptet, alle BettlerInnen wären Roma.  Viele der BettlerInnen in Wien sind keine Roma. Sie werden jedoch als solche wahrgenommen, weil sie ein vermeintlich „Roma-typisches“ Verhalten zeigen. Es ist aber richtig, dass es Romnija und Roma gibt, die betteln. Die permanente Betonung der ethnischen Zugehörigkeit führt aber dazu, dass die Ursachen für das Betteln nicht mehr in der sozialen Situation, sondern in der „Kultur“ oder einer angeblich „typischen Lebensweise“ der Roma gesehen werden. Der Diskurs um das Thema Betteln, insbesondere die Rede von der „Bettelmafia“, ist insgesamt sehr stark von antiziganistischen Vorstellungen geprägt. Fakten aus Studien oder sachliche Argumente fehlen diesem Diskurs meist.

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