„Was wünscht du dir zu Weihnachten?“ – Familienfest der BettelLobbyWien

Familienfest1 Die BettelLobbyWien erfüllt dieses Jahr zu Weihnachten den Kindern von Eltern, die aus Not betteln oder Straßenzeitung verkaufen müssen, Weihnachtswünsche. Von Martina Kempf-Giefing

Auf dem Weg zum Familienfest, das die BettelLobbyWien vier Mal im Jahr organisiert, war ich schon sehr gespannt, welche Wünsche die Kinder äußern würden, denn diesmal war einer der „Programmpunkte“ das Erfragen der Weihnachtswünsche. Spannend auch deshalb, denn die Frage danach was sich jemand wünscht, zeigt auch, welchen Mangel die Person gerade erfährt. Ich dachte darüber nach, dass es zum einen notwendige Wünsche gibt, die das Überleben sichern. Dazu gehören Nahrung, Medizin, ein Zuhause aber auch Kleidung. Diese entsprechen den menschlichen Grundbedürfnissen, und in meinem Verständnis ist es die Aufgabe unserer Gesellschaft diese Wünsche immer zu befrieden. Zum anderen gibt es Wünsche, die darüber hinausgehen und ein anderes Bedürfnis stillen, nämlich das Gefühl zu bekommen, geliebt und geachtet zu werden, der Wunsch, dass jemand an einen denkt.

Die Küche in der Galerie im Amerlinghaus ist schon jetzt voller Säcke, die mit Kärtchen versehen sind, wie z.B. „David, 8a, 130cm“. In jedem dieser Säcke befindet sich jeweils eine Winterjacke, eine Skihose, ein Pullover, ein langärmiges Oberteil, eine Hose, lange Unterwäsche, Mütze, Schal, Handschuhe und Socken. Daneben einige Kisten voll mit Hygieneartikeln und es gibt unzählige Schuhschachteln mit Winterschuhen und mehrere Kleinkindsachen, ja sogar ein Kinderwagen. Die Mutter, für die der Kinderwagen gedacht ist, hat dieses Jahr im August ein Mädchen zur Welt gebracht. Wir werden etwas unruhig und hoffen, dass sie zum lang angekündigten Familienfest am 29.11.2015 kommen wird. Sicherheitshalber rufen wir Theresa an, die in der mobilen Sozialen Arbeit tätig ist und im Kontakt mit der jungen Mutter steht. Dank ihrer Hilfe kann die Mutter verständigt werden und es dauert nicht lange, bis sie auftaucht. Nennen wir sie Maria, sie ist 17 Jahre alt und gehört ebenso zu den Kindern und Jugendlichen, die dieses Jahr durch private Spenden Winterkleidung erhalten. Das Team der BettelLobbyWien hat nämlich schon im Vorfeld für über 30 der ihnen bekannten Kinder diese Säcke zusammengestellt. Aber dieses Weihnachten gibt es sogar noch mehr, denn aufgrund der Unterstützung der Gemeinde der Messiaskapelle Wien Alsergrund werden auch jenseits von existenzerhaltenden Ansprüchen Wünsche erfüllt. Ganz oben auf der Liste sind technische Geräte, wie ein Smartphone. Indirekt ist darin der Wunsch nach Teilhabe und sozialer Anerkennung durch einen symbolischen Wert markiert, ein Mangel, den die Jugendliche in ihrer Situation bitter erfahren müssen. Ganz wichtig sind auch Laptops oder Tablet. Das so „teure“ Wünsche nicht erfüllt werden können, nimmt uns niemand übel, ganz im Gegenteil meistens können sie es gar nicht fassen, dass sie diese Frage gestellt bekommen. Meist wird zögerlich formuliert, abgewogen und überlegt. In diesem Moment entsteht eine ganz besondere Nähe. Einige Kinder verfallen in Schweigen, sind verlegen und suchen nach einem Zuspruch, um sich Wünsche eingestehen zu können, die außerhalb bestehender Grundbedürfnisse gegeben sind.

Mino ist 8 Jahre alt, sie kommt mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder und ihren Eltern das erste Mal zum Familienfest der BettelLobbFamilienfest2yWien. Einige Familien, die bereits beim Rechtshilfe Treffen waren, welches einmal im Monat stattfindet, stehen bereits im Kontakt mit uns. Die Kinder werden während des Treffes von den Schwestern Eli und Regina betreut, die wiederrum von Eli‘s Tochter Lilith und Sohn Raffael eine große Unterstützung erfahren. Bevor die Kinder die für sie vorgesehen Säcke und Schuhschachteln erhalten, wird geplaudert und zusammen gespeist. Ihre Weihnachtswünsche übergeben sie in dieser Zeit ebenso an uns weiter. „Eine Puppe, die Singen kann“ durchbricht Sara das Schweigen, das entstanden war, als sie gefragt wurde, was sie sich wünschen würde. Die Idee beim Familienfest ist auch, die Familien mit ihren Themen zusammen zu bringen. Den Kindern und Jugendlichen stehen Bastelstationen zur Verfügung, sie können ebenso am Boden herumturnen. Für die Winterkleider wird den neu hinzukommenden Kindern und Jugendlichen die Größe abgemessen. Diese erhalten dann beim nächsten Treffen ihre Wintersachen. Auch sie werden dann noch gefragt, was sie sich zu Weihnachten wünschen.

Die Mutter von Mino schaut mich fragend an. Ich erfahre, dass sie erst vor einem Monat nach Wien zu Freunden übersiedelt sind. In Rumänien haben sie keine Arbeit und das Geld von den Gelegenheitsjobs, die sie dort finden, reicht nicht aus. Sie ist unsicher, ob sie in Wien bleiben wird, zumindest möchte sie es versuchen. Mino, wünscht sich zur Schule zu gehen, und hat die Trennung von ihrer Schulklassen in Rumänien nur schwer hinnehmen können. Ihre Mutter hat Sorge, dass sie, bei Bekannten lebend und ohne Meldezettel, mit dem Jugendamt Schwierigkeiten bekommen werden. Als sich die Mutter von Nico einmischt, die in einer ähnlichen Situation ist wie sie, ist sie erleichtert zu hören, dass dies nicht der Fall ist. Nico ist mittlerweile 12 Jahre alt; er und seine Familie kamen vor 4 Jahren nach Wien. Sein Vater bringt die Familie mit Straßenzeitungsverkauf und Gelegenheitsjobs über die Runde. Dieser Austausch ist wichtig, hier kann das genaue Vorgehen zur Schulanmeldung besprochen werden. Dabei bringen sich die Mütter ein und berichten aus ihren Erfahrungen. Als ich Mino frage, was sie sich zu Weihnachten wünschen würde, zählt sie Winterkleider auf, wie eine dicke Jacke oder Schuhe, die sie mit einem Klettverschluss schließen und öffnen kann. Ähnliche Antworten erfahre ich von den Eltern, die sich bei der Frage nach Weihnachtswünschen natürlich einmischen, um für ihre Kinder praktische und überlebensnotwendige Sachen aufzuzählen. Die Frage: „Ja, und wenn du dass alles nächstes Mal bekommen wirst, was wünscht du dir dann noch?“ kann Mino nur schwer nachvollziehen. Sie schaut zu Boden und als sie ihren Blick zu mir richtet, glitzern ihre Augen: „Hhmm… dann will ich eine Puppe, die Kleider hat und ein Zuhause.“ Dass womöglich in ihrem Wunsch das Bedürfnis ihrer Familie eine Wohnung zu finden versteckt sein kann, überrascht mich nicht. Schließlich sind die Grundbedürfnisse bei ihr und ihrer Familie noch lange nicht befriedigt. Selbst für ein kleines Kind ist es daher in solch einer Lebenslage besonders schwierig sich mit Wünschen auseinanderzusetzen, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen. Daher hoffen wir besonders, diesen Kindern und ihren Familien durch die Weihnachtsgeschenke ein Gefühl des Willkommens und der Wertschätzung geben zu können.

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