Falschparken kostet 36 Euro, Falschsitzen kostet 140 Euro. Wenn Schwarzkappler auf Bettlerjagd gehen.

DSC00188Angela ist Sängerin. Viele kennen sie, oder jedenfalls ihre Stimme. Sie und ihre Schwester sitzen oft in einer der Stationen entlang der U6 und singen. Als ich sie heute traf  – sie saß zusammengekauert am Rand des Aufgangs  – und ein paar Worte mit ihr wechselte, kamen eine Dame und ein Herr in zivil und forderten sie forsch auf, ihren Ausweis zu zeigen.  „Sie müssen mit uns mitkommen“, sagt der Herr.  Erst auf mein vehementes Fragen, wo es überhaupt hingehen soll, erfuhren wir, dass Angela zum Westbahnhof mitkommen musste. Ich bestand darauf, ebenfalls mitzukommen. Die Wiener Linien Mitarbeiter telefonierten während der Fahrt . Wir fuhren zum Westbahnhof. Angela musste dort mit den beiden in einen Raum mit der Aufschrift „Kontrollbezirk“ gehen.Mir wurde der Zutritt verweigert. „In zehn Minuten ist sie eh wieder draußen“, hieß es. Eine Polizeibeamtin kam aus dem Raum und erklärte mir, dass ich kein Recht hätte, die Dame zu begleiten. Der Chef dieser „Aktion gegen „organisierte“ Bettler in der Ubahn“  wie er sie nannte, kam ebenfalls und erklärte mir, dass ich nicht das Recht hätte, die Dame zu begleiten.  Die Wiener Linien würden gemeinsam mit dem Magistrat 6 immer wieder solche „Aktionen“ unternehmen. Und dies wäre heute eine davon. „Gesetze müssen schließlich eingehalten werden und wir müssen auch schauen, dass wir zu unserem Geld kommen,“ erklärte er mir lachend. Ich wartete also. In Minutenabständen kamen Wiener Linien Mitarbeiter in zivil mit Leuten, die ebenfalls in den Raum mussten. Viele Frauen unter ihnen, klein, schlecht gekleidet, ängstlich. Viele von ihnen hatten eine Straßenzeitung dabei. Ich wartete eine knappe Stunde, bis Angela wieder herauskam. Sie weinte. Sie zeigte mir einen Haufen Zettel und Erlagscheine. Ihr Strafregister betrug insgesamt 300 Euro. „Wenn ich nicht zahle, werden sie mich einsperren“ sagte sie. Das heutige Vergehen hieß „Versperren des Fluchtweges“, wofür sie 140 Euro zu zahlen hätte. Ich hatte mit meinem Fahrrad den Fluchtweg heute viel eher versperrt. Ich hatte es quer über den Aufgang gestellt, als ich mit Angela sprach. Doch das hatte die Wiener Linien Mitarbeiter überhaupt nicht gestört. Ich entsprach wohl nicht ihrem „TäterInnen“profil.

Aus drei alten Strafen aus Vorjahren ergaben sich weitere 160 Euro für Angela, hier waren als Grund Paragrafen des Eisenbahngesetzes angegeben, deren Bedeutung weder sie noch ich verstanden. Angela wird die Strafen nicht zahlen können, denn sie übersteigen bei weitem die paar Euro, die sie hier in Wien verdient und dringend für ihr Kleinkind und ihre Eltern in Rumänien braucht.  Sobald sie ein bisschen Geld beisammen hat, wird sie wieder nach Hause fahren und demnächst ihr Glück wieder in Wien oder woanders versuchen. Denn eins ist gewiss: ihre Armut kann Angela nicht einfach aufschieben.

Einladung_Amerling_ruANMERKUNG DER BETTELLOBBYWIEN

Immer wieder werden wir gefragt, welche Rechte mensch in Wien hat oder nicht hat.  Dürfen Mitarbeiter der Wr. Linien einen zum Mitgehen zwingen?  Darf mensch als Vertrauensperson eine BettlerIn begleiten, wenn sie mit der Polizei mitkommen muss? Darf die Polizei einen wegschicken? Wie kann mensch Strafverfügungen beeinspruchen? Die Antworten würden übrigens lauten: nein, ja, nein, bei der BettelLobbyWien.

Ab 23. September 2013 veranstaltet die BettelLobbyWien monatliche Treffen im Amerlinghaus für BettlerInnen, ZeitungsverkäuferInnen und UnterstützerInnen,  wo viele dieser Fragen beantwortet werden. Abgesehen davon wollen wir bei gemütlichem Zusammensein Erfahrungen austauschen und uns gemeinsam politisieren: Das Recht auf Betteln ist ein Grundrecht, gemeinsam können wir es verteidigen.

Jeweils Montag 19 Uhr im Amerlinghaus 1070 Stiftgasse 8, Galerie
16.1.2017
20.2.2017
20.3.2017
24.4.2017
15.5.2017
19.6.2017

2 Kommentare zu “Falschparken kostet 36 Euro, Falschsitzen kostet 140 Euro. Wenn Schwarzkappler auf Bettlerjagd gehen.

  1. liebe leute,

    euren beitrag hab ich in facebook gepostet. was haltet ihr davon wenn wir an einem tag in allen u-bahn stationen musiker_innen zusammen trommeln, dort aufgeigen und auf die aktion schraf warten. ich könnte mir vorstellen, dass meine liedermacherkollegen martin auer, fritz nussböck, erich demmer, kurt winterstein die fallen mir gerade ein dabei mitmachen würden.

    an ärmlicher kleidung soll es nicht mangeln und einen alten rollstuhl habe ich auch – voll gebrauchsfähig. gehört mir und nicht der krankenkasse, schenke ich der/demjenigen welche/r einen braucht. schönen tag für alle

    sigi

    http://www.maron.at

    ps. Bei meinem workshop „schule für dichtung“ haben wir als gemeinsames projekt das thema „betteln ist ein menschenrecht“

    http://sfd.at/programm/2013/mut-zur-wut

  2. Pingback: Juristischer Erfolg gegen Behördenschikanen | BettelLobbyWien

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