Der Fremdenführer in der Lederhose, der Versicherungsvertreter im Anzug und der Bettler mit den Krücken. Ein Leserbrief.

Von Hans Peter Graß, Friedensbüro Salzburg, als Reaktion auf einen  Artikel in den Salzburger Nachrichten:

Sehr geehrte Redaktion,

Sie haben recht: Ein Bettler, der sich bei der Bitte um Almosen Vorteile erwartet, indem er eine Behinderung vortäuscht, tut sich selbst und den anderen BettlerInnen nichts Gutes. Dass er es mit diesem Vorgehen regelmäßig auf die Titelseite der Salzburger Lokalpresse schafft, tut sein übriges. Das Skandalöse an seinem Verhalten erschließt sich mir jedoch nicht ganz: Das Vergehen, sich durch Vortäuschen falscher Tatsachen Vorteile zum Zwecke des Broterwerbs zu verschaffen, scheint mir doch ein sehr alltägliches Phänomen:
Der Fremdenführer in der Lederhose, der sich davon verspricht, als Salzburger Original durchzugehen, der Versicherungsvertreter, der sich in Schale wirft um Seriosität vorzutäuschen, die Jobbewerberin, die sich beim Vorstellungsgespräch im Dirndl präsentiert, weil der Chef das angeblich mag. Sie alle nützen das, was man heutzutage „Marketing“ nennt und finden, wie wohl der Großteil ihrer MitbürgerInnen nichts dabei, sich für ihren beruflichen Vorteil zu verkleiden bzw. vorzutäuschen, was man möglicherweise nicht halten kann. Wenn es noch dazu um Werbung geht, ist dieses Vortäuschen sogar Teil unserer täglichen Unterhaltung. Dass in den wenigsten Produkten das drinnen ist, was es von außen verspricht, stört uns nicht besonders, wenn es wenigstes gut verpackt ist.
Ein naheliegendes Beispiel aus ihrem redaktionellen Alltag: Der Journalist Christian Resch hat sich vor etwa einem Jahr im Zuge seiner Recherche als Bettler verkleidet auf eine Salzburger Brücke gesetzt und gebettelt. Im Grunde hat er damals nichts anderes getan als der „überführte“, Behinderung vortäuschende Bettler. Er hat – wohl auch zum Zwecke des Broterwerbs – sowohl die Passanten als auch die Öffentlichkeit in Bezug auf seine eigentliche Identität hinters Licht geführt, weil er doch in Wirklichkeit die verdienten zwanzig Euro nicht benötigt, im Gegenteil, für die gute Story wahrscheinlich kein schlechtes Honorar erhalten hat.
Alle diese „Vergehen“ sind unangenehm, bei Aufdeckung gelegentlich peinlich, in den meisten Fällen aus Marketing-Gründen jedoch breit akzeptiert. Warum wird dem Bettler nicht zugestanden, was in den oberen Etagen als chic und erfolgreich gilt?
Ein Unterschied zwischen dem beschriebenen Bettler und den alltäglichen MarketingexpertInnen besteht jedoch weiterhin: Die meisten aus dieser Branche machen gutes und leicht verdientes Geld damit. Der Bettler, der einen ganzen Tag verkrüppelt durch die Stadt geht, um zwanzig Euro zu verdienen, leistet zumindest harte Arbeit für wenig Geld. Für mich müsste er sich nicht verstellen, um auf seine Notlage hinzuweisen. Ich würde und werde es ihm weiterhin gelegentlich entlohnen.Hans Peter Graß
Friedensbüro Salzburg

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