Ich will nicht betteln, aber dürfen muss ich!

Kommentar der BettelLobbyWien

Polizistinnen und Polizisten (und ihr Präsident) stellen oft ein Ärgernis dar. Vor allem, wenn sie aufdringliche Kommentare für Zeitungen schreiben oder mit unreflektierter und uniformierter (aber uninformierter) Haltung im Schlepptau an die Öffentlichkeit appellieren. In Wien legen viele MitarbeiterInnen der Polizei aufdringliches und aggressives Betteln dahingehend aus, dass Menschen(!), die am Gehsteig sitzen oder ihre Beine oder Arme ausstrecken, diesbezüglich abgestraft werden. Zu Strafen für organisiertes Betteln kommt es, wenn BettlerInnen z.B. untereinander Blickkontakt haben oder das erbettelte Geld von Familienmitgliedern eingesammelt wird, damit es bei einer Verhaftung nicht von der Polizei abgenommen werden kann. Durch diese rechtliche Handhabe wird es den Mitarbeitern der Exekutive ermöglicht, ihre Menschlichkeit und ihre Aufgabe der Hilfestellung (http://www.bundespolizei.gv.at/lpk/) völlig außer acht zu lassen, und stattdessen Menschen, die um über ihr Überleben kämpfen, zu demütigen, zu kriminalisieren, zu bestrafen und zu diskriminieren. Die Frage, wo Mütter ihre minderjährigen Kinder, in der Zeit in der sie betteln müssen, unterbringen, ist seit dem „Kinderbettel-Verbot“ auch völlig ungeklärt. Das diese unbeaufsichtigt eher von Verwahrlosung und dem Abrutschen in die Kriminalität betroffen sind, scheint nicht bedacht oder vielleicht beabsichtigt zu sein.

Das Grundrecht des Bettelns verankert im Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention muss leider von völlig verarmten Menschen – insbesondere von Angehörigen ethnischer Minderheiten – aus Osteuropa genutzt werden, um sich und ihrer Familie das Überleben, den Erhalt der Wohnung in ihrer Heimat, den Schulbesuch der Kinder zu ermöglichen. Was tun den diese Menschen? Jean Paul formulierte, dass „der Held wohl seine Narben zeigt, aber nur der Bettler seine Wunden!“. Diese Menschen machen Eigenwerbung für sich und machen auf ein gesellschaftliches Phänomen aufmerksam. Sie lassen uns teilhaben an einem Leben, das nicht immer sehr gradlinig verlaufen ist …

Denn sie schaffen die Grundlage für uns, unsere Menschlichkeit und unser Verantwortungsbewusstsein für einander unter Beweis zu stellen, und als BürgerInnen eines demokratischen – durch freie Meinungsbildung gekennzeichneten – Staates uns dieser Herausforderung im Umgang mit den Ärmsten der Armen zu stellen. Betteln gleichsam als Aufforderung der Solidarität.

Dafür hilft ein einfaches Mittel: BettlerInnen nach Maßgabe der eigenen Möglichkeit mit einer Spende zu unterstützen – mit ruhigem Gewissen direkt und unbürokratisch einem Menschen und seinen Angehörigen in bitterer Armut zumindest ein wenig geholfen zu haben! Auch ein Gespräch mit den Betroffenen gibt die Möglichkeit, Anteil an dem Schicksal eines Mitmenschen zu nehmen, anstatt ihn als Zumutung und Belästigung zu erleben. Wien ist zwar eine Stadt mit zahlreichen karitativen Organisationen, die aber nur in sehr geringem Maße für bettelnde Menschen zuständig sind. Daher müssen auch in Wien viele Menschen Hunger leiden, da sie die Ausspeisungsstellen aufgrund fehlender Fahrscheine oder Ortskenntnisse bzw. Information gar nicht erreichen können. In Wien finden die BettlerInnen kaum ein Dach über dem Kopf, da die meisten Obdachloseneinrichtungen – sofern sie nicht ausschließlich privat finanziert werden – ausländische Menschen gar nicht beherbergen dürfen.

Wer BettlerInnen Geld gibt, sollte eines wissen: Abgesehen von der finanziellen Unterstützung setzten Sie damit ein Zeichen der Menschlichkeit und Solidarität!

 Mag.a Elisabeth Fröhlich

für die BettelLobbyWien

 

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bettellobbywien@live.at

https://bettellobbywien.wordpress.com/

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