Betteln bei der Zentralmatura Deutsch

Bildschirmfoto 2015-05-06 um 15.59.31 Gestern, am 5. Mai 2015, haben 20.000 Maturant_innen überlegt, ob sie zum Thema Bettelverbot schreiben möchten: Eine von drei Aufgaben bei der Zentralmatura  bezog sich
auf die Frage nach einem Bettelverbot in Salzburg.
Die Tatsache, dass über Betteln bei der Matura nachgedacht werden kann, wäre grundsätzlich begrüßenwert. Die beiden Kommentare, die den Maturant_innen als Grundlage ihres Leserbriefes zur Verfügung gestellt wurden sind es leider gar nicht…

Den Maturant_innen wurden zwei Kommentare – von Andreas Unterberger und Katharina Krawagna-Pfeifer – vorgelegt, auf deren Basis sie einen Leserbrief schreiben sollen. Die beiden – in der Aufgabenstellung als gegensätzlich bezeichneten – Kommentare bieten leider keine ausgewogene Sicht auf die Thematik.

Der Aktivist Kurto Wendt schreibt dazu auf Facebook: „Zumindest kein Nazitext könnte man* positiv den Unterschied zu der vorjährigen Aufgabe wohlmeinend feststellen.  ‚Bewerten Sie die gegensätzlichen Standpunkte und schreiben sie einen Leserbrief‘ lautete die Aufgabe, dabei sind sich die beiden Kommentator*innen in den großen Linien einig. Beide gehen fix von Bettel- und Schlepperbanden aus, beide interessieren sich nicht für die Haltungen der Betroffenen.  Die Nuance, die sie unterscheidet ist der Grad des Humanismus. Rechtsextrem gegen rechtsliberal, das ist der Gegensatz, den die sozialdemokratische Unterrichtsministerin den Schüler*innen als Gegensätze präsentiert. Propaganda ist angesagt, gegen die Ärmsten unserer Gesellschaften und das unter dem Kapitel „soziale Gerechtigkeit“. Werden sich Schüler*innen ermutigt fühlen, in ihren fiktiven Leser*innenbriefen gegen die menschenverachtenden Bettelverbote aufzutreten? Eher nicht, wenn sie die zentrale Matura schaffen wollen, auch die nicht die, die  fortschrittliche Lehrer*innen haben, die sich dann bei der Beurteilung ans zentrale Schema halten müssen.“

Die BettelLobbyWien teilt diese Kritik:

* Keiner der beiden Kommentare spricht sich explizit gegen ein Bettelverbot aus! (Karwagna-Pfeifer spricht lediglich davon, dass sie unexekutierbar seien und sicherheitspolizeiliche Vorschriften reichen würden)

* Keiner der beiden Kommentare stellt gängige Stereotype über Bettler_innen in Frage.

* In beiden Texte wird unhinterfragt von „Schlepperbanden“ bzw. „Profiten vonOrganisationen “ gesprochen.

* In keinem der Kommentare kommen Bettler_innen als Menschen vor, die aktiv ihre widrigen Lebensumstände zu verbessern suchen – und lieber arbeiten würden als betteln; als Menschen, die ebenso Recht haben, wie alle anderen auch.
Die beiden Kommentare sind zudem so alt (von 2012), dass die Entscheidung des Verfassungsgericht zum Betteln noch nicht getroffen war, die allgemeine Bettelverbote als rechtwidrig und Betteln zum Ausdruck des Rechts auf freie Meinungsäußerung erklärt.
Die Positionen, die den Maturant_innen als Grundlage für ihre Aufgabe zur Verfügung gestellt wurden, sind damit in keiner Weise ausgewogen, vielmehr wiederholen sie stereotype Bilder über Bettler_innen (‚100% Roma‘, ‚von Organisationen ausgebeutet‘) unhinterfragt.

2 Kommentare zu “Betteln bei der Zentralmatura Deutsch

  1. Sozialdemokratische Unterrichtsministerin (SIC!) fördert rechtsgerichtete Propaganda gegen Bettler_innen trotz anderslautenden VfGH-Bescheids

  2. Ich kann Ihnen (Gott sei Dank) als Deutschlehrer mitteilen, dass die Befürchtung, dass die Maturantinnen (bei mir sind es nur junge Damen) diese Pauschalisierungen und vordergründigen Behauptungen nicht bemerken, unbegründet ist. Meine Maturantinnen (BHS) haben zwar heuer noch keine Zentralmatura, aber wir haben diese beiden Kommentare – ergänzt mit einer aktuellen Glosse von Viktor Hermann aus den Salzburger Nachrichten – als Vorbereitung für die kommende Deutschmatura herangezogen. Meine Schülerinnen haben als erstes bemerkt, dass Bettler nicht nur aus Osteuropa stammen, nicht nur Roma sind, sondern dass es Menschen aus allen Gesellschaftsschichten treffen kann. Sie haben den Bogen zur Wirtschaftskrise ziehen können. Und um die Themen- und Textauswahl zu verteidigen: Gerade bei solch kontroversen Kommentaren können SchülerInnen zeigen, dass sie eine eigene Meinung haben – und das ist bei der Zentralmatura nicht ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil – ein eigenständiger Weg (der Argumentation, der Interpretation,…) ist Grundvoraussetzung für die Noten „Gut“ und „Sehr Gut“. Ich teile die Befürchtung vieler nicht, dass SchülerInnen durch die Zentralmatura keine eigene Meinung mehr vertreten dürfen – das verhindert die Tatsache, dass die Arbeiten nach wie vor vom Klassenlehrer/der Klassenlehrerin korrigiert werden. Und ich hoffe, dass das so bleibt.

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